Entstehungsgeschichte

Die Entstehungsgeschichte der regionalen ländlichen Freilichtmuseen in Baden-Württemberg

Anfänge der Freilichtmuseen

Freilichtmuseen dienen der Erhaltung und Darstellung bäuerlichen Lebens. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdrängte die Industrialisierung zunehmend die bäuerliche Kultur. Durch den rasanten Fortschritt sahen sich viele Menschen mit dem allmählichen Verschwinden traditioneller Lebensweisen und Werte konfrontiert. Indem sie sich mehr der Sammlung ländlich geprägter Kulturgüter widmeten, reagierten einige kulturhistorischen Museen auf diesen Verlust. Der schwedische Philologe Artur Hazelius gründete 1873 mit dem Nordischen Museum in Stockholm das erste Volkskundemuseum. Dieses wurde 1891 durch eine Freiluftabteilung erweitert, dem Freilichtmuseum Skansen. Mithilfe des Freilichtmuseums wollte Hazelius das Landleben umfassender darstellen. Er versetzte dafür komplette Gebäude und richtete diese ganzheitlich ein.  Skansen gilt als das erste Freilichtmuseum Europas.  

Freilichtmuseen wurden bald populär, da sie für die Bewahrung und Vermittlung ländlicher Kultur- und Alltagsgeschichte standen (und noch heute stehen) und breite Bevölkerungsschichten ansprachen. Es folgten bald weitere Museumsgründungen in ganz Europa. Im Deutschen Reich wurde die Idee der Freilichtmuseen zwar positiv aufgenommen, zu eigenen Museumsgründungen kam es aber sehr spät – die deutsche Museumslandschaft wurde vor allem von Heimatmuseen geprägt. 1934 wurde das erste deutsche Freilichtmuseum gegründet, das Museumsdorf Cloppenburg (Niedersachsen). Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Gründungswelle Freilichtmuseen in Deutschland.

 

Gründungen von Freilichtmuseen in der Nachkriegszeit

Die Gründungen von Freilichtmuseen in der Nachkriegszeit wurden von dem Gedanken der substanzerhaltenden Rettung bestimmt. Die Wirtschaftswunderjahre der 1960er Jahre in Deutschland führten mit dem technischem Fortschritt und  modernen Lebensstandards zu entscheidenden Strukturveränderungen. DerDeutsche Heimatbundsah durch den rasanten Umbruch vom Agrar- zum Industrieland die regionalen Unterschiede und Besonderheiten zunehmend verwischt und befürchtete die endgültige Zerstörung der ländlichen Kultur. Das Freilichtmuseum konnte als Gedächtnisort  dienen, um die kulturelle Identität der Vergangenheit zu sichern.

 

Erste Rettungen

Zunächst wurden nur vereinzelte Gebäude vor Abriss oder Verfall gerettet: 1958 gelang Privatleuten die Sicherung eines oberschwäbischen Strohdachhaus. 1961 begann im Badischen die Rettung des Vogtsbauernhofs in Gutach, mit dem 1964 das erste Freilichtmuseum Baden-Württembergs eröffnet wurde. Das Kultusministerium unterstützte diese Rettung mit Finanzmitteln aus der staatlichen Lotterie, lehnte eine Trägerschaft jedoch ab.

 

Das erste Freilichtmuseum Baden-Württembergs

DerSchwäbische Heimatbund, dem die Bewahrung traditionellen Wissens und traditioneller Werte und Landschaften am Herzen lag, und die baden-württembergische Landesregierung wünschten sich ein zentrales Freilichtmuseum, das die beiden Landesteile  Baden und Württemberg identitätsstiftend  miteinander verbinden sollte: Ein Landesmuseum, das Bauernhäuser aus allen Landschaftsteilen vergleichend und verbindend nebeneinander stellt, nach außen ein Monument der bäuerlichen Alltagskultur, nach innen die Kompensation kollektiver Verlusterfahrungen.

 

Planungen für ein zentrales Landesfreilichtmuseum

Die Vorplanungen für ein zentrales Landesfreilichtmuseum, das an der Baar errichtet werden sollte, liefen parallel mit dem Ausbau des Vogtsbauernhofs in Gutach. Die beiden Museumsprojekte wurden zu Konkurrenten. Die Idee eines zentralen Landesfreilichtmuseums scheiterte 1965 letztendlich an der Finanzierung. Dennoch ebbte die konzeptionelle Diskussion nie gänzlich ab. Durch den Erfolg des Gutacher Freilichtmuseums und der zunehmend dringlicher werdenden Rettungsmaßnahmen für historische Bausubstanzen, plädierte nun auch vermehrt die Denkmalpflege für regionale Lösungen.

 Als nächstes Freilichtmuseum wurde das oberschwäbische Kürnbach ausgebaut und 1974 eröffnet. 1972  begann man auch in Hohenlohe mit einer Ausstellung über bäuerliche Möbel und Geräte, die als Keimzelle für ein künftiges Freilichtmuseum (heute das Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen) gesehen wurde.

 Der Schwäbische Heimatbund nahm das Thema Landesfreilichtmuseum immer wieder auf, eine endgültige Entscheidung wurde jedoch immer wieder aus finanziellen oder politischen Gründen aufgeschoben. 1976 legte ein Förderverein um den damaligen Wolfegger Bürgermeister Manfred Konnes den Grundstein für das Bauernhaus-Museum Wolfegg. Er sowie der Oberbürgermeister von Schwäbisch Hall forderten ab nun eine dauerhafte finanzielle Unterstützung zum Erhalt historischer Bauten. Die Hoffnungen lagen auf der Einführung der Zusatzlotterie Spiel 77 im Frühjahr, deren Gewinn zu 7% an die Errichtung eines zentralen Freilichtmuseums gehen sollte.

 Im Sommer 1977 bot derSchwäbische Heimatbundan, ein Landesfreilichtmuseum vorzufinanzieren. Daraufhin trafen sich auf Einladung des Kultusministeriums die Träger der bereits bestehenden

Museen sowie Vertreter der alternativen Museumsansätze. Unter der Federführung von Bürgermeister Konnes und des Biberacher Landrats Steuer gründete sich die „Arbeitsgemeinschaft der regionalen Freilichtmuseen“ um die  Interessen einer dezentralen, regionalen Lösung noch effektiver vertreten zu können. Ihr erster Sprecher wurde Manfred Konnes. Im August 1978 schließlich beschloss der Ministerrat des Landes Baden-Württemberg, die Museen in Gutach, Wolfegg und Kürnbach sowie weitere Initiativen aus Mitteln des Spiels 77 zu fördern.

Für das Einzugsgebiet „Mittlerer Neckarraum“ beziehungsweise „Schwäbische Alb“ ließ der Landkreis Esslingen 1980 in einer wissenschaftlichen Studie die Chancen für die Realisierung eines derartigen Projektes prüfen. Gleichzeitig wurden zwischen 1980 und 1982 mehrere Gebäude im Auftrag der Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg für das zukünftige Freilichtmuseum im Landkreis Esslingen abgebaut. Die angespannte Haushaltslage ließ das Projekt allerdings 1982 scheitern.

1985 nahmen die Gremien des Kreistages Esslingen die Planungen für ein regionales Freilichtmuseum wieder auf. Der erste Spatenstich fand dann am 10. Juni 1987 statt. Im Jahr 1995 wurde somit in Beuren das siebte regionale Freilichtmuseum eingeweiht.

 Zwei Jahren später sollte dann mit den Erfahrungswerten beim Aufbau der regionalen Museen, nochmals die zentrale Lösung diskutiert werden. Die fachliche Beratung übernahm die Landesstelle für Museumsbetreuung.

 

Tauziehen um ein Landesfreilichtmuseum

Der baden-württembergische Ministerrat entschied 1980, die regionalen Freilichtmuseen mit 4,8 Millionen DM zu unterstützen. Damit war die die Entscheidung für ein zentrales  Landesfreilicht-museum wiederum vertagt worden. Neben Gutach befanden sich zu diesem Zeitpunkt Wolfegg, Wackershofen und Kürnbach in der Aufbauphase. Pläne für weitere Freilichtmuseen lagen in Tuttlingen, Gochsheim und Esslingen vor. Mit dem Ministerratsbeschluss vom 11. Januar 1988 wurde die Errichtung eines Landesfreilichtmuseums endgültig zu den Akten gelegt. Die Landesregierung entschied sich letztendlich für eine dezentrale Lösung um vor allem den regionalen Besonderheiten Rechnung zu tragen.

Zu den bestehenden vier Freilichtmuseen konnten noch Neuhausen ob Eck (1988), das Odenwälder Freilandmusem (1990) sowie als letztes der sieben das Freilichtmuseum Beuren (1995) eröffnet werden.

 

Die Arbeitsgemeinschaft, die 1977 gegründet wurde, umfasst alle sieben regionalen ländlichen Freilichtmuseen in Baden-Württemberg. Die „Sieben im Süden“stehen in einem engen inhaltlichen und fachlichen Austausch. Gemeinsame Ausstellungs- und Publikationsprojekte, Fortbildungen, eine eigene Homepage und der gemeinsame Info-Service der Arbeitsgemeinschaft zeugen von der engen

Zusammenarbeit der baden-württembergischen Freilichtmuseen. Bis heute wird sie von der Landesstelle für Museumsbetreuung finanziell und fachlich unterstützt.

 

Die Freilichtmuseen in Baden-Württemberg zeichnen sich durch das Bewahren historischer Baukunst,  Wissenschaftlichkeit sowie die erfolgreiche vermittlerische Tätigkeit aus. Dauer- und Wechselausstellungen zu regionalspezifischen Themen, Handwerksvorführungen, Mitmach-Programme für Kinder wie Erwachsene, Themenführungen, Schukprorgamme,  Ferienprogramme, Workshops und Aktionstage bilden das breite Spektrum der Freilichtmuseen.