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Pressemitteilung 29. Juni 2005
"Vorfahrt mit Blaulicht für Museumshäuser" - Eine Fachtagung der "Arbeitsgemeinschaft der regionalen ländlichen Freilichtmuseen in Baden-Württemberg" löst bundesweite Resonanz aus
Für die Freilichtmuseen gehört die Versetzung von historischen Gebäuden, die am Ursprungsort nicht mehr zu halten sind, zur alltäglich zu bewältigenden Aufgabe.
Alles auseinander nehmen und wieder zusammenfügen - oder Einpacken großer Hausteile oder gar ganzer Häuser am Stück, mit der Möglichkeit, die historische Substanz "wie gewachsen" mitzunehmen: dies sind die beiden Methoden, Gebäude zu versetzen. Doch welcher ist der Vorzug zu geben?
In Kooperation mit den bayerischen Freilichtmuseen und den Landesstellen für Museumsbetreuung in Stuttgart und München veranstaltete die "Arbeitsgemeinschaft der regionalen ländlichen Freilichtmuseen in Baden-Württemberg" (Museumsstandorte in Walldürn-Gottersdorf, Wackershofen, Beuren, Gutach, Neuhausen ob Eck, Kürnbach und Wolfegg) in der Schwäbischen Bauernschule Bad Waldsee (Ldkrs.Ravensburg) eine zweitägige Fachtagung zum Thema: "Vorfahrt mit Blaulicht für Museumshäuser - Erfahrungen mit der Technik der Großteileversetzung aus 25 Jahren Praxis".
Die Tagung erfuhr breite, bundesweite Resonanz. Fachkollegen und -kolleginnen aus vielen namhaften Freilichtmuseen der Bundesrepublik und auch der Schweiz, Vertreter von Universitäten, Denkmalbehörden und der Fachbaubranche versammelten sich 2 Tage lang, um sich Fachreferate anzuhören und um miteinander zu diskutieren.
Grußworte entboten Kai-Michael Sprenger vom Landratsamt Ravensburg und der Leiter der Bauernschule, Dr.Clemens Frede.
Der Sprecher der AG der baden-württembergischen Freilichtmuseen und Tagungsleiter, Thomas Naumann M.A. (Odenwälder Freilandmuseum Walldürn), begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und erläuterte zunächst die Beweggründe einer solchen Tagung. Nach 25 Jahren, in der nun in den meisten der süddeutschen Freilichtmuseen viele Gebäude in großen Hausteilen (und nicht mehr wie früher durch Zerlegung in alle Einzelteile mit großen Substanzverlusten an den historischen Gebäuden) versetzt worden seien, sei es seitens der Museen höchste Zeit, Bilanz zu ziehen. Das Thema könne nun aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und Erfahrungen ausgetauscht werden. Und es sei nun auch an der Zeit, zu hinterfragen, ob die Erwartungen an die neue Methode, originalgetreuer aufzubauen und das Originale auch dauerhaft zu erhalten, in Erfüllung gegangen seien. Hierüber habe es unter Fachleuten noch nie einen umfassenden Austausch gegeben.
So führte die Tagung durch ein dichtes Programm. Ein Blick in die Geschichte der Gebäudeversetzungen unternahm Dr.Haio Zimmermann (Wilhelmshaven). Er zeigte, dass das Haus seit dem Neolitikum und bis weit ins Mittelalter eher als Mobilie denn als Immobilie konstruiert und benutzt wurde und Umsetzungen aller Art bekannt waren.. Dr.Fred Kaspar (Westfälisches Amt für Denkmalpflege) widmete sich vor allem dem immer wieder einmal aufgetauchten Konflikt zwischen Denkmalpflege und Freilichtmuseen. Dadurch aber, dass beide Institutionen heute ein Gebäude als individuelle Geschichtsquelle verstünden, untersuchten und behandelten, könnten beide darum wetteifern, wer künftigen Generationen aussagekräftigere Quellen hinterlasse. Dipl.Ing.Robert Crowell, Karlsruhe, bilanzierte die Großteileversetzungsmethode in den baden-württembergischen Freilichtmuseen, die vom Hohenloher und Odenwälder Freilandmuseum in den 1980er Jahren ausgegangen sei und sich sodann in den südlicheren Museen fortgesetzt habe. Die technische Entwicklung habe begonnen bei Fachwerkwänden, sei übergegangen zu massiven Wänden und habe geendet bei der Versetzung eines ganzen Hauses am Stück. Prof. Konrad Bedal (Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim) berichtete über die Entwicklung in Bayern, wo sich die Großteileversetzung ebenso durchgesetzt hat. Diese Methode, die natürlich auch ihre Grenzen habe, biete dennoch eine qualitativ deutlich höherwertige Lösung. Es gehe dabei nicht nur um ästhetische Fragen, sondern um den Erhalt von Lebensspuren. Die neue Sicht auf die Bedeutung und das Aussagepotential eines Hauses habe notwendig zur Bergung in großen Teilen geführt. Letztlich führe dies oftmals sogar zu mehr Authentizität, als es in der Denkmalpflege in der Regel möglich sei. Prof. Stefan Baumeier (Westfälisches Freilichtmuseum Detmold) analysierte die Sicht der norddeutschen Freilichtmuseen auf die Großteileversetzung. Auch im Norden der Republik haben viele Freilichtmuseen die Methode, wenn auch in geringerem Umfang, angewandt. Der Museumsdirektor verwies angesichts der nun möglichen Substanzerhaltung insbesondere auch auf die Möglichkeit, mit später neu entwickelten Forschungsmethoden jederzeit weitere Erkenntnisse gewinnen zu können. Über zum Teil spektakuläre Beispiele von Hausversetzungen in massiven Teilen berichteten Ariane Weidlich M.A. u. Dipl.Ing. Axel Will (Freilichtmuseum a.d.Glentleiten) sowie Michael Happe M.A.(Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden). In Hohenfelden verrollte man kürzlich ein 100 Tonnen-Gebäudeteil durch Unterfahren mit einem Spezialfahrzeug. Happe informierte auch über die Geschichte des Museums zu DDR-Zeiten, in der es ausschließlich auf die Agrarhistorie ausgerichtet war.
Dr. Axel Burkarth (Landesstelle für Museumsbetreuung Stuttgart) machte sich kritische Gedanken über den Begriff des Originals im Freilichtmuseum. Ein absolutes Original könne es nicht geben. In jeder Präsentation eines Originals sei subjektive Wertung und subjektive Wirkung enthalten, auch bei den originalen Gebäuden eines Freilichtmuseums. Dennoch bewirke die auf Erhalt von Originalem abzielende Großteileversetzung und der damit ermöglichte ganzheitliche Präsentationsstil beim Besucher das Erlebnis, ein glaubwürdiges Geschichtszeugnis vor sich zu haben. Die besondere Bedeutung der Großteileversetzung für die Didaktik, also die Vermittlung der Objekte im Museum, untersuchte Georg Waldemer (Landesstelle für die Betreuung nichtstaatlicher Museen, München). Die Methode ermögliche einen emotionalen Zugang zur Geschichte,, weil sie verblassende Lebens- und Gebrauchsspuren erhalte und hierdurch eine Personalisierung erreiche, die für die Didaktik von unschätzbarem Wert sei. Die konservatorischen Besonderheiten, die bei der Großteileversetzung zu beachten sind, stellte eindringlich Dr. Kilian Kreilinger (Landesstelle München) dar, der die anwesenden Museumsleute etwa aufrief, unbedingt für Raumklima zu sorgen oder atmungsaktiven Winterschutz anzubringen. Schließlich beschäftigte sich Dipl.Ing. Albrecht Bedal (Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen) mit dem Kostenvergleich "konventionelle Versetzung"-"Großteileversetzung". Als Basis seines Vergleichs dienten Untersuchungen bei 30 Gebäuden der baden-württembergischen Freilichtmuseen. Auf dieser Grundlage kam er zu dem nicht unbedingt erwarteten Ergebnis, dass die Großteileversetzung tendenziell finanziell sogar günstiger ausfalle, in einzelnen Fällen bis zu 30%.
Drei Exkursionen in die Freilichtmuseen in Illerbeuren (Bayern), Kürnbach und Wolfegg (Baden-Württemberg) ergaben beeindruckendes Anschauungsmaterial für die Tagungsteilnehmer. So wurde an mehreren höchst gelungenen Beispielen konkret deutlich, welche authentischen Darstellungen die Versetzung kompakter Hausteile ermöglicht.
In der abschließenden Diskussion resümierte Tagungsleiter Thomas Naumann die Ergebnisse der Referate. Es bestand große Einigkeit, dass die Großteile-Versetzung dazu geführt hat, entscheidend mehr Authentizität und somit dokumentarischen Wert in die Freilichtmuseen zu bringen und das darstellerische Spektrum erheblich zu erweitern. Es muss aber immer wieder von Fall zu Fall entschieden werden, ob ein ganzes Haus oder nur Teile eines Hauses in großen Teilen versetzt wird; dies hängt auch von dem jeweils angestrebten Zeitschnitt der Präsentation und natürlich vom Erhaltungszustand ab. Bei einer Rückführung eines Gebäudes in seinen Jahrhunderte zurückliegenden Erbauungszustand kann auch ganz darauf verzichtet werden. Steht jedoch der Erhalt eines geeigneten Gebäudes als geschichtliche Quelle, als Träger von Spuren des Lebens der ehemaligen Bewohner, als Sachdokument für die Entwicklungsstufen des Gebäudes und als mögliches künftiges Forschungsobjekt für heute noch nicht zur Verfügung stehende Forschungsmethoden im Vordergrund, so das Resümee, ist die Translozierung in großen Teilen, die heute in allen technischen Varianten zur Verfügung steht, die einzig mögliche Lösung.
Diskutiert wurden zu Ende der Tagung auch noch verschiedene Formen der Erhaltung und gleichzeitigen musealen Erschließung kulturhistorisch wertvoller Gebäude für die Öffentlichkeit am Ursprungsort und wieweit sich Freilichtmuseen hier engagieren sollten. Die überwiegende Meinung ging anhand einiger angeführter Beispiele aus verschiedenen Regionen der Bundesrepublik dahin, dass solche Projekte, die über die denkmalpflegerischen Absichten weit hinausgehen, wegen meist nicht ausreichender Infrastruktur und bald aufkommenden Zuständigkeitsproblemen scheiterten. Durch schleichende Veränderung um den originalen Standplatz herum falle meist auch ziemlich schnell der Vorteil des authentischen Ortes hinweg.
Die aktuelle Veranstaltungsbroschüre der baden-württembergischen Freilichtmuseen erhalten Sie beim Info-Service der Arbeitsgemeinschaft "Die Sieben im Süden",
Tel: 07831/935610 oder unter info@landmuseen.de.
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